Textilindustrie: Gewalt gegen Frauen und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

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TW: Sexuelle Gewalt

Es kommt blankem Hohn gleich, dass Textilkonzerne sich an 5€ T-Shirts mit ‘feministischen’ Sprüchen wie „The revolution is female“ und „The future is female“ eine goldene Nase verdienen, während die zu 85% weiblichen der rund 40 Millionen Textilarbeiter*innen zu den am schlechtesten bezahlten und schutzlosesten Arbeiter*innen der Welt gehören. Einen Boykott sieht die Clean Clothes Campaign, das größte Bündnis aus Gewerkschaften und NGOs der Textilindustrie, allerdings kritisch. Alternativbanken und Kirchenbanken zeigen potenzielle Lösungswege auf.

  • „Dieses Stück Stoff ist in meinem Blut, meinem Schweiß und meiner Ehre gebadet“

Shopna* arbeitet seit sechzehn Jahren als Näherin. Sie berichtet, viele unerwünschte sexuelle Annäherungen erlebt oder beobachtet zu haben. Die Täter: Männer in Machtpositionen, die Opfer: Frauen. Sie hat eine eindringliche Botschaft an die Menschen, die die Kleidung kaufen, welche sie anfertigt: „Es macht mich glücklich, dass Sie etwas tragen, was ich gemacht habe. Aber ich möchte Sie wissen lassen, dass dies mehr als ein Stück Stoff ist. Dieses Stück Stoff ist in meinem Blut, meinem Schweiß und meiner Ehre gebadet[1].“

Auch unsere Studie “Made in Cambodia”  (2019) setzt sich mit internationalen Modeunternehmen und den Arbeitsbedingungen in deren Zulieferketten auseinander. Die Ergebnisse waren ernüchternd: So unterschiedlich die Unternehmen und die Situation in den einzelnen Ländern und Unternehmen, so sehr gleichen sich jedoch die Bedingungen der Arbeiter*innen: Mangelnde Arbeitssicherheit und -gesundheit, enormer Zeitdruck, Behinderung gewerkschaftlicher Organisation, miserable Bezahlung und demütigende Behandlung prägen weltweit den Alltag der Millionen von Arbeiter*innen, die vor allem für Konsument*innen in Europa, Nordamerika und Japan Kleidung produzieren[2].

  • Sexuelle Gewalt bei Levi &Co Zulieferern in Lesotho

Die Levi’s 501 Jeans wurde kürzlich von Amerikaner*innen zu dem ikonischsten Modeartikel der Geschichte gewählt. Levi & Co ist die größte Jeansmarke der Welt. Levi Jeans Werbung inszeniert sorgfältig schöne Menschen in gekonnt lässiger Atmosphäre. Mit der von sexueller Gewalt geprägten Realität der Näherinnen in Levis Zuliefererbetrieben hat das nichts zu tun.

Letztes Jahr enthüllte ein Bericht der NGO Workers Rights Consortium (WRC) weitverbreitete Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe und sexuelle Belästigungen in zahlreichen Textilfabriken in Maseru, der Hauptstadt Lesothos. Über 120 Frauen aus drei verschiedenen Firmen gaben an, dass sie zu Sex mit männlichen Vorgesetzen gezwungen worden waren, um ihren Job zu behalten. Manche sagten, auf dem Firmengelände vergewaltigt worden zu sein. Andere erzählten, von männlichen Vorgesetzen mit HIV angesteckt worden zu sein, welche ihre Gehälter nicht auszahlten, bis die Frauen ungeschütztem Sex „zustimmten“. Gewalt in der Textilindustrie ist ein internationales Phänomen: auch Textilarbeiter*innen in Indien, Brasilien, Mexiko, Sri Lanka, der Türkei, China, Bangladesch und Vietnam haben von sexuellen Übergriffen, Stalking, Belästigung und Vergewaltigungen in Textilfabriken, die an internationale Firmen liefern, berichtet. Ein ActionAid Bericht aus dem Vorjahr schätzte, dass 80% der bengalischen Textilarbeiter*innen sexueller Gewalt am Arbeitsplatz ausgesetzt waren.

Besonders bitter an dem Fall Lesotho: Sozialaudits und Kontrollbesuche der Fabriken, die Arbeitsrechtsverstöße und Menschenrechtsverletzungen aufdecken sollten, übersahen die Notlage der Arbeiterinnen. Kritiker*innen warnen bereits seit Jahren, dass Sozialaudits und Verhaltenskodexe nicht nur ineffektiv, sondern auch irreführend sein können. Sie erzeugen eine Illusion von Unternehmensverantwortung, die es Marken erlaubt, Verantwortung für unzumutbare Arbeitsbedingungen auf Zulieferer abzuwälzen. „Diese Audits sind nicht dazu da, Arbeiter*innen zu schützen – sie sind dazu da, den Ruf der Textilfirmen zu schützen“, resümiert Aruna Kashyap von Human Rights Watch[3].

  • Boykott: Keine Textilproduktion ist auch keine Lösung

Welche Konsequenz sollte man aus erschütternden Schilderungen wie diesen ziehen? Ist ein Boykott die Lösung? Die Clean Clothes Campaign beantwortet diese Frage unmissverständlich: nein. Es gibt Ausnahmen in Extremfällen, wenn alle anderen Möglichkeiten gescheitert sind oder wenn Arbeiter*innen explizit zum Boykott aufrufen. Aber grundsätzlich ist ein Boykott oft nicht die beste Lösung für Arbeiter*innen, die auf ein Einkommen angewiesen sind. Stattdessen sollten Modemarken sich dafür einsetzen, mit Arbeiter*innen, Zulieferern und Gewerkschaften Maßnahmen zu ergreifen, um tatsächlich menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen[4].

In unserer Studie „Made in Cambodia“ haben wir auch das Vorgehen einiger Alternativ- und Kirchenbanken recherchiert. Anstatt sich ganz aus dem problematischen Textilsektor zurückzuziehen, haben sie Expertise in diesem Bereich aufgebaut und gezielt jene Initiativen unterstützt und Themen aufgegriffen, die für die Betroffenen vor Ort am wichtigsten sind (z.B. existenzsichernde Löhne). Dies ist durchaus ein potenzieller Lösungsweg und sollte auch von anderen Finanzinstituten und Unternehmen beherzigt werden[5]. Um den Finanzsektor und Modeunternehmen dahingehend unter Druck zu setzen, ist eine informierte und engagierte Zivilgesellschaft unerlässlich.

Autorin: Milena Sagawa Krasny

[1] Ward, J. (2019, June 11). New research: Irish people concerned with treatment of garment workers. Retrieved August 25, 2020, from https://actionaid.ie/new-research-irish-people-concerned-treatment-garment-workers/

[2] German Institute for Human Rights (2018): Bringing Human Rights into Fashion Issues, challenges and underused potentials in the transnational garment industry. Berlin. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/ANALYSE/Analysis_Bringing_Human_Rights_into_Fashion.pdf

[3] Kelly, A. (2020, August 20). Fashion’s dirty secret: How sexual assault took hold in jeans factories. Retrieved August 25, 2020, from https://www.theguardian.com/news/2020/aug/20/fashion-industry-jeans-lesotho-garment-factory-workers-sexual-violence

[4] Does CCC participate in factory boycotts? (2020, August 17). Retrieved August 25, 2020, from https://cleanclothes.org/faq/boycotts

[5] Schneeweiß, A., & Buch, R. (2019). Made in Cambodia: Textile Lieferketten und die Verantwortung der Investoren am Beispiel Kambodscha (Publication). Berlin, Berlin: Facing Finance e.V.

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