Internationale Lieferketten: Verdacht auf zehntausende Uigur*innen in Zwangsarbeit

Protest für die Uigur Minderheit in Berlin. Bild: © langkawi [CC BY 2.0] - flickr

Willkürliche Massenverhaftungen, gravierender körperlicher und seelischer Missbrauch, Zwangsarbeit, religiöse Verfolgung, politische Indoktrination, Zwangssterilisierung: die Liste an systematischen Menschenrechtsverletzungen, die China im Umgang mit den Uigur*innen vorgeworfen werden, ist nichts für schwache Nerven.

Letzte Woche veröffentlichte die Coalition to End Forced Labour eine Warnung, dass nahezu jede große Bekleidungsmarke und jeder Baumwollhändler aufgrund ihrer Lieferketten in Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang, einer überwiegend von der muslimischen Minderheit der Uigur*innen besiedelten Region im Nordwesten Chinas, verwickelt sein könnte. Auch zuvor schon hatte eine australische Studie nahegelegt, dass Zulieferer internationaler, auch deutscher, Firmen wie VW oder Siemens mit Zwangsarbeit der Uigur*innen in Verbindung stehen könnten.

China ist der größte Baumwollhersteller der Welt, fast 84% der chinesischen Baumwolle stammt aus der Xinjiang Region. Beinahe ein Fünftel der weltweit produzierten Baumwolle wird in Xinjiang hergestellt. Die Geschehnisse dort sind also für die globale Modeindustrie von höchster Relevanz: Baumwolle und Garn aus Xinjiang werden in großem Umfang an für die Textilproduktion so wichtigen Standorten wie Bangladesch, Kambodscha und Vietnam verwendet. Die Coalition to End Forced Labour in the Uyghur Region, ein Bündnis aus über 180 Menschenrechtsgruppen, veröffentlichte letzte Woche eine Warnung, dass ein „schweres Risiko bestehe, dass Marken und Händler über Sektoren hinweg Vorteile aus Menschenrechtsverletzungen ziehen (…). Stoffe aus Baumwolle oder Garn aus Xinjiang werden in Fabriken in ganz China und auf der ganzen Welt verwendet. Fast jede große Kleidermarke und jeder Händler, der Baumwollprodukte verkauft, ist potenziell beteiligt“. Die Menschenrechtsorganisationen argumentieren weiter, dass „der einzige Weg, durch den Unternehmen sicherstellen können, dass sie nicht unbeabsichtigt die Unterdrückung des Staates (der Uigur*innen) unterstützen, … der vollständige Rückzug der Lieferkette“ sei. Die Koalition hat eine Liste von Unternehmen herausgegeben, die möglicherweise Lieferungen aus Xinjiang, oder aus Fabriken, welche mit Zwangsarbeit der Uigur*innen assoziiert werden, beziehen.  Darauf stehen Riesen wie Gap, C&A, Adidas, Muji, Tommy Hilfiger und Calvin Klein[1].

Schon im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte das Australian Strategic Policy Institute Recherchen, die nahelegen, dass zehntausende Uigur*innen im gesamten Land gezwungen werden, in Fabriken zu arbeiten, die auch internationale Firmen beliefern. 83 Weltmarken aus dem Technologie-, Bekleidungs- und Automobilsektor benannten die Autor*innen – zum Beispiel Apple, Gap, Huawei, Nike, Samsung, Sony und auch deutsche Konzerne wie BMW, VW, Bosch, Siemens oder Adidas[2]. Für die Uigur*innen sei es kaum möglich, diese Arbeitseinsätze zu verweigern, da ihnen dann Inhaftierung drohe. Im Dialog mit den Unternehmen hat lediglich eine kleine Anzahl von Marken angegeben, ihre Geschäftsbeziehungen zu betroffenen Lieferanten dieses Jahr zu beenden, so die Autor*innen. Unternehmen wie Adidas, Bosch und Panasonic haben laut eigenen Angaben zwar keine direkten Vertragsbeziehungen zu den betroffenen Lieferanten, können aber ein Glied weiter unten in der Lieferkette nicht ausschließen[3].

  • Eine politische Lösung muss her

Einige Unternehmen wollen laut eigener Aussage keine Materialien aus Xinjiang mehr beziehen. PVH Corporation beispielsweise, der Mutterkonzern von Calvin Klein und Tommy Hilfiger gab an, keine keine Endprodukte aus der Region zu beziehen und innerhalb der nächsten 12 Monate keine Baumwolle aus der Region zu nutzen sowie alle Geschäftsbeziehungen mit Firmen, die Garn oder Stoff in Xinjiang herstellen, einzustellen[4].

Aktivist*innen und Expert*innen fordern Firmen normalerweise dazu auf, sich proaktiv mit Arbeitsrechtverletzungen innerhalb ihrer Lieferketten auseinanderzusetzen. Denn der Verlust des Geschäfts, der mit einem vollständigen Rückzug einhergeht, schadet den Arbeiter*innen meist ebenso. Große Modemarken sollten ihre Macht nutzen, um auf die Verbesserung von Arbeitsbedingungen sowie die Achtung von Menschenrechten Einfluss zu nehmen. In diesem Fall ist das allerdings nicht möglich: Penelope Kyritsis, stellvertretende Forschungsdirektorin beim Worker Rights Consortium, erklärt, dass die chinesische Regierung die Region komplett kontrolliere und überwache, das Klima insgesamt von Terror geprägt sei und ein Abbruch der Geschäftsbeziehungen daher zielführend sei. „Wenn eine Marke oder ein Händler behauptet nicht zu wissen, wo deren Baumwolle oder Garn herkomme, ist es eine Entscheidung, das nicht zu wissen“, sagt Kyritis. „Marken können sehr wohl einschätzen, mit wem sie Geschäftsbeziehungen pflegen und diese Beziehungen beenden.“

Der chinesischen Regierung wurden in den letzten Jahren von allen Seiten furchtbare Menschenrechtsverletzungen an der Minderheit der Uigur*innen vorgeworfen. Unternehmen, deren Lieferketten bis nach Xinjiang reichen, müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie durch ihre Geschäftsbeziehungen von diesen Schandtaten profitieren. Gleiches gilt für die Finanzbranche, die mit ihrem Kapital fragwürdige und menschenverachtende Geschäftsmodelle solcher Konzerne aufrechterhält. Ungeachtet dessen ist eine politische Lösung dringend von nötig. Die internationale Staatengemeinschaft muss an einem Strang ziehen und deutlich machen, dass sie den chinesischen Kurs gegenüber den Uigur*innen nicht toleriert. Dies gilt auch für die Bundesregierung. Sie muss auf den Schutz der Menschenrechte durch China pochen – ob in Xinjiang, Hong Kong, oder im Rest der Welt.

Autorin: Milena Sagawa Krasny

Quellenangaben:

[1] Kelly, A. (2020, July 23). ‘Virtually entire’ fashion industry complicit in Uighur forced

labour, say rights groups. Retrieved July 28, 2020, from https://www.theguardian.com/global-development/2020/jul/23/virtually-entire-fashion-industry-complicit-in-uighur-forced-labour-say-rights-groups-china

[2] D., & Xiuzhong Xu, V. (2020, March 01). Uyghurs for sale. Retrieved July 28, 2020, from https://www.aspi.org.au/report/uyghurs-sale

[3] Lemkemeyer, S., & Wang, N. (n.d.). China soll zehntausende Uiguren als Zwangsarbeiter einsetzen. Retrieved July 28, 2020, from https://www.tagesspiegel.de/politik/zulieferer-deutscher-firmen-betroffen-china-soll-zehntausende-uiguren-als-zwangsarbeiter-einsetzen/25598416.html

[4] Kelly, A. (2020, July 23). ‘Virtually entire’ fashion industry complicit in Uighur forced labour, say rights groups. Retrieved July 28, 2020, from https://www.theguardian.com/global-development/2020/jul/23/virtually-entire-fashion-industry-complicit-in-uighur-forced-labour-say-rights-groups-china

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