BlackRock goes green?

BlackRock Zentrale in Midtown Manhattan, New York City. | Bild: © Jim.henderson [CC0] - Wikimedia

Deuten die neusten Bestrebungen des Vermögensverwalters wirklich auf eine nachhaltige Neuausrichtung des Konzerns hin? BlackRock setzt auf eine Engagementstrategie.

Der weltweit größte Vermögensverwalter BlackRock geriet in der Vergangenheit immer häufiger in den medialen Fokus. Zuletzt hat der Konzern in der Öffentlichkeit durch dessen Aufsichtsratsvorsitzenden Friedrich Merz an Bekanntheit gewonnen, doch ist der Big Player bereits seit Jahren an allen 30 DAX-Unternehmen beteiligt. Die Größe des verwalteten Vermögens ist beeindruckend: 7,43 Billionen US-Dollar zum Ende des Jahres 2019.

Kritisiert wird nicht nur BlackRocks Größe und Einfluss. Klimaaktivist*innen beanstanden, dass BlackRock sein Geld in unverantwortliche Unternehmen investiere. Laut Angaben von Urgewald hält BlackRock derzeit Anleihen und Aktien von über 17 Milliarden US-Dollar an 86 Kohlekraftwerksentwicklern und gilt damit als der weltweit größte institutionelle Investor in Unternehmen, die neue Kohlekraftwerke bauen. Ein von „Majority Action“ und dem „Climate Majority Project“ veröffentlichter Bericht deckte außerdem auf, dass BlackRock gegen wichtige Klima-Beschlüsse bei Energie-Firmen stimmte. Beispielsweise einen Beschluss bei ExxonMobil’s Aktionärshauptversammlung und bei Duke Energy. BlackRock und der zweitgrößte Vermögensverwalter Vanguard sind laut dem Bericht dafür verantwortlich, dass mindestens 16 klimakritische Aktionärsbeschlüsse im S&P 500 keine Unterstützung bekamen. Den Unternehmen wird durch das Abstimmungsverhalten signalisiert, dass eine klimapolitische Neuausrichtung der Unternehmen nicht notwendig ist.

Gibt BlackRock dem öffentlichen Druck für mehr Klimaschutz nach?

Mitte Januar kündigte Larry Fink an, dass Nachhaltigkeit der neue Investmentstandard des Unternehmens werde. BlackRock werde von nun an Investitionen vermeiden, die „ein hohes Nachhaltigkeitsrisiko bergen“. Im alljährlichen Brief an die Vorstandsvorsitzenden der Unternehmen, in die BlackRock investiert, schrieb Fink, dass sich BlackRock bis 2025 von seinen Investments in Kohleunternehmen trennen will – jedoch nur von solchen, die mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes mit der Förderung klimaschädlicher Kraftwerkskohle erzielen. Urgewald setzt sich an dieser Stelle differenziert mit der Frage auseinander, ob BlackRocks neue Richtlinien wirkungsvoll sind und ob das Unternehmen in der Kohlebranche umgeschwenkt ist.

Im Jahr 2019 stimmte BlackRock noch gegen Vorstöße der Investoreninitiative Climate Action 100+. Umso überraschender war es, als bekannt wurde, dass BlackRock dieser Initiative am Anfang dieses Jahres beigetreten ist. Nach ihrem Selbstverständnis trägt Climate Action 100+ dafür Sorge, dass die weltweit größten Treibhausgasemittenten notwendige Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen. Zurzeit zählt die Initiative mehr als 450 Investor*innen zu ihren Unterstützern, mit mehr als 44 Billiarden US-Dollar verwaltetem Vermögen. Im Fokus stehen die nach dem All Country World Index (MSCI ACWI) einhundert Unternehmen mit den höchsten indirekten und direkten Emissionen. Die Initiative setzt dabei auf Lobbying und Engagement. Das bedeutet, dass Aktionär*innen durch Gespräche oder bei Abstimmungen versuchen auf die Unternehmen Einfluss auszuüben, mit dem Ziel der „guten“ Unternehmensführung. Im Progress Report von Climate Action 100+ heißt es: „Investors are responsible for driving each engagement, as independent fiduciaries, to develop and implement the company specific engagement priorities and strategy.“ Die Investor*innen sind demnach selbst dafür verantwortlich, welche Prioritäten sie setzen und wie sie auf die Unternehmen Einfluss ausüben möchten.

Folglich setzt auch BlackRock auf eine Engagementstrategie, um Unternehmen dazu zu bewegen, notwendige Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. BlackRock verweist auf Empfehlungen der „Task Force on Climate related Financial Disclosures” (TCFD), spricht von Erwartungen an die Unternehmen, von der Möglichkeit bei Abstimmungen Interessen durchzusetzen, und eventuellen Dialogen mit dem Management. Alles unter der Prämisse, dass kein wirtschaftlicher Nachteil für das Unternehmen entstehen darf: „Our fiduciary duty to clients is to protect  and enhance  their economic  interest  in the companies  in which  we invest on their behalf. It is within this context that we undertake our corporate  governance  activities.  We believe that well-managed companies will deal effectively with the material environmental and social (“E&S”) factors relevant to their businesses.“

Welche Möglichkeiten haben Vermögensverwalter wie BlackRock?

Die Möglichkeiten, die Investor*innen haben, um auf Unternehmen Einfluss auszuüben, wurden in einem Paper von Koebel, Heeb und Paetzold et al. genauer Untersucht. Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen drei Mechanismen:

1) „shareholder engagement impact“ charakterisiert im Kern die Strategie von Climate Action 100+, bei der es darum geht, bei Meetings oder durch Abstimmungen Einfluss auf die Aktivität der Unternehmen auszuüben.

2) „capital allocation impact“ dagegen beschreibt die Möglichkeit der Investor*innen, durch die Verschiebung von Kapital Einfluss auszuüben, insbesondere indem Investor*innen nicht-nachhaltige Unternehmen von ihren Portfolios ausschließen.

3) „Indirect impact“ bedeutet, dass Investor*innen indirekt durch ihre Handlungen (beispielsweise durch Stigmatisierung) Einfluss auf Unternehmen ausüben können.

Belege für die Effekte des „shareholder engagement impact“ finden die Autoren in der wissenschaftlichen Literatur viele. So ist die Engagementstrategie vor allem dann wirkungsvoll, wenn die Kosten der geforderten Reformen niedrig sind und die Unternehmen bereits Erfahrungen auf dem Themengebiet des Engagements gemacht haben. Themen im Umweltbereich haben eine geringere Chance auf Erfolg als soziale Themen. Der „capital allocation impact“ hat laut den Autoren dagegen bei Unternehmen, die auf externes Kapital angewiesen sind, Erfolg. Alle Mechanismen haben eine größere Chance auf Erfolg, je einflussreicher und größer die Investor*innen sind. Zu erwähnen ist, dass der „capital allocation impact“ und „indirect impact“ deutlich schwieriger sind empirisch nachzuweisen.

Ist eine Engagementstrategie der richtige Weg?

Klar ist, dass ein Dialog gegenüber Sanktionen immer vorgezogen werden sollte. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre ist an der Stelle ein positives Beispiel für gelungenes Engagement. Erste Erfolge von Climate Action 100+ sind die Verpflichtungen der Reederei Maersk oder von Heidelberg Cement, bis 2050 die Emissionen auf „netto-null“ zu beschränken.[1]

Laut dem Progress Report von Climate Action haben zwar ca. 77% der Vorstände Verantwortung für das Klima gezeigt, jedoch wird die Ausrichtung und Aktivität der Lobbying-Aktivitäteten als eher schlecht eingestuft. Nur 20% der Unternehmen haben sich wiederum Klimaziele gesetzt, die mit den aktuellen wissenschaftlichen Empfehlungen übereinstimmen, um die gesteckten Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

Laut den Autoren des Papers scheint besonders bei Umweltthemen eine reine Engagementstrategie wenig Chancen auf Erfolg zu haben. Kohlefirmen sind derzeit nur dank staatlicher Subventionen überlebensfähig, d.h. sie sind auf externes Kapital angewiesen. Gerade in diesem Fall heißt es, dass der „capital allocation impact“ jedoch besonders wirkungsvoll wäre. Es bleibt fraglich, warum Unternehmen wie BlackRock ihre Marktmacht nicht nutzen und durch das Ausschließen von kritischen Unternehmen aus ihren Portfolios Druck ausüben, denn der Anteil an aktiv verwalteten Investmentfonds beträgt immerhin ca. 56%. Des Weiteren müssen sich Vermögensverwalter nicht zwingend für eine der drei genannten Mechanismen entscheiden. In den Prospekten von Climate Action 100+ und BlackRock scheint es aber, als sei eine Engagementstrategie der einzige und wirkungsvollste Mechanismus. Folgt man der Argumentation des Papers wäre es jedoch sinnvoller, wenn alle drei oben genannten Mechanismen, um Unternehmen zu Maßnahmen gegen den Klimawandel zu bewegen, miteinander verknüpft würden. Ein im Zusammenhang mit Engagementstrategien außerdem häufig genannter Kritikpunkt ist die fehlende Transparenz und Klarheit. So wecken unpräzise und allgemeine Formulierungen bei der Veröffentlichung von „Engagement Principles“, wie im Falle von BlackRock, in Kombination mit undokumentierten Treffen, wenig Vertrauen. In der Begründung für den neuen Investmentstandard „Nachhaltigkeit“ zeigt sich bei BlackRock ein weiteres Kernproblem: Finanzielle Interessen stehen weiterhin mit Abstand an erster Stelle, während ethische Gesichtspunkte nur zweitrangig zur Geltung kommen.

Fazit: Die Äußerungen von Larry Fink und die neuen Richtlinien von BlackRock klingen zwar vielversprechend, lassen in der Praxis jedoch nur auf wenig Wirkung hoffen. Es erscheint paradox, wenn BlackRock auf der einen Seite angibt, Nachhaltigkeit in Zukunft in den Mittelpunkt seiner Anlagestrategie zu stellen, auf der anderen Seite aber weiterhin Aktien im Wert von über 17 Milliarden US-Dollar an 86 Kohlekraftwerksentwicklern hält.

Eine Engagementstrategie ist jedoch nicht per se schlecht. Initiativen wie Climate Action 100+ haben das Potenzial und die Macht Unternehmen zu ändern, doch müssen die Strategien wirkungsvoller werden. Folgt man der Argumentation des Papers scheint eine Engagementstrategie bei Umweltthemen nur ergänzend mit anderen Maßnahmen wirkungsvoll zu sein.  Die Engagement Principles, die BlackRock formuliert, sind so offen und unpräzise, dass sie im besten Fall als kleinen Schritt in die richtige Richtung und im schlechtesten Fall als „Greenwashing-Strategie“ zur Vertuschung eines „weiter so“ interpretiert werden können.

Autor: Sebastian Klix

[1] Was bedeutet „netto-null“: https://www.myclimate.org/de/informieren/faq/faq-detail/detail/News/was-bedeutet-netto-null-emissionen/