PRESSEERKLÄRUNG: Tatort Rente – Unfairer Profit fürs Alter um jeden Preis?! Neues Verbraucherportal überprüft Nachhaltigkeit der Riesterrente

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Berlin/Köln (28.11.16) – SPERRFRIST 12:00 – Profitiert die staatlich zertifizierte Riesterrente von Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung und Korruption? Subventioniert der Staat Altersvorsorgeinvestments in Umwelt- und Klimazerstörung oder Waffenhandel? Die Antworten darauf gibt seit heute das erste zivilgesellschaftliche Informationsportal zur Überprüfung der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit von fondsbasierten Riester-Versicherungen: www.faire-rente.de.

Das Portal analysiert in einem ersten Untersuchungsschritt 35 Riester-Anbieter, ihre 46 fondsbasierten Riester-Produkte bzw. Fondssparpläne und über 1.000 dazugehörige Investmentfonds. Letztere werden in Bezug auf Unternehmensanleihen sowie Beteiligungen an rund 250 ausgewählten Unternehmen bewertet, die sich im Konflikt mit sozialen und ökologischen Standards befinden. Die Auswahl dieser belasteten Unternehmen erfolgte größtenteils auf Basis der (negativen) Bewertungen von Nachhaltigkeits-Ratingagenturen. Die Finanzdaten stammen vom Wirtschaftsinformationsdienst Bloomberg und wurden im Frühjahr 2016 erhoben.

Die Ergebnisse im Überblick: Jedes untersuchte Riesterprodukt erwies sich als sozial und/oder ökologisch belastet, ebenso die große Mehrheit der über 1.000 für Riesterprodukte verwendeten Investmentfonds. Am schlechtesten schnitt das Produkt „RiesterDepot“ der Sutor Bank ab, welches zu 19,7 % (in Bezug auf den summierten Marktwert aller für das Produkt angebotenen Fonds) in belastete Unternehmen investiert ist. Nahezu unbelastet nach den Kriterien des Projektes erwies sich dagegen das Produkt “VorsorgePlusPlan”der Umweltbank/Continentale, welches nur zu 0,8 % belastet war.

Viele der von den Riester-Anbietern verwendeten Fonds weisen teils erhebliche, sozial und ökologisch belastete Investments aus. Dies gilt besonders für den “DekaLux-GlobalResources CF” Fonds (43,8%), der Teil des “Riester Garant Rente Vario” Produktes von der Provinzial NordWest ist. Unter den TOP 10 der am stärksten belasteten Fonds finden sich ganze 7 Investmentprodukte aus dem Hause BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, der immer wieder als rücksichtsloses „Abbruchunternehmen“ oder als „Private Equity Heuschrecke“ kritisiert wird. Ein BlackRock-Fonds (iShares Core MSCI Em. Mkts ETF), verwendet im Produkt „Alte Leipziger“, ist noch in einen Hersteller völkerrechtswidriger Streumunition (Poongsan) investiert.

Überdurchschnittlich hohe Befunde wurden auch für die am häufigsten in Riesterprodukten genutzten Fonds festgestellt Hier weist der Templeton Growth (Euro) Fund eine Belastung von 26,4% auf, wobei die Nr. 2, der DWS TOP Dividende Fonds, einen Wert von 24,3% erzielt. Beide Fonds sind in 19 bzw. 17 der 45 untersuchten Riesterprodukte zu finden.

Das von Facing Finance in Kooperation mit der Verbraucherzentrale NRW entwickelte Projekt versteht sich als “Weckruf für die Branche und die Kunden”, aber auch als Antwort auf die intransparente Politik der Bundesregierung. “Riesterkunden haben das Recht zu erfahren, was mit ihren Beiträgen geschieht und von welchen Investitionen ihre Altersvorsorge profitiert”, sagt Thomas Küchenmeister, geschäftsführender Vorstand von Facing Finance. Küchenmeister krtisiert, dass die Bundesregierung die vorvertragliche Informationspflicht (§ 7 Abs. 1 S. 2 Nr. 3 AltZertG alte Fassung) über die Beachtung ökologischer und sozialer Standards bei der staatlich geförderten Altersvorsorge zum 1.1.2017 abschafft. Dies und besonders die staatliche Förderung von Renten-Investments in Unternehmen, die gegen soziale und ökologische Normen verstoßen, stehe im eklatanten Widerspruch zu den völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands, die sich z.B. aus Waffenverboten, Klimaabkommen oder ILO-Kernarbeitsnormen ergeben, so Küchenmeister.

“Es ist absolut unverständlich warum Anbieter von Riesterversicherungen nicht einmal Mindeststandards in Bezug auf soziale und ökologische Kriterien bei der Auswahl ihrer Produkte berücksichtigen, sondern nur einmal pro Jahr erklären müssen, ob diese überhaupt eine Rolle spielen oder eben nicht“, beklagt Julia Dubslaff von Facing Finance, Leiterin des Projektes „faire-rente.de“.

Die Kritik der Verbraucherzentrale NRW geht über die Defizite im Bereich Nachhaltigkeit hinaus. Staatlich geförderte Altersvorsorge ist ein Baustein, der helfen kann, den Lebensstandard im Alter zu sichern. Trotzdem sind wir gerade bei Riester auch 15 Jahre nach der Einführung von einer Breitenwirkung immer noch weit entfernt. Dies liegt an einer Vielzahl von Gründen. Obwohl der Staat die Bedingungen schon mehrmals nachgebessert hat, ist Riester immer noch zu komplex und zu kompliziert. Viele der am Markt angebotenen Produkte sind schlicht zu teuer und zu intransparent. Verbraucher können letztlich kaum überblicken, ob das Riester-Produkt zu ihnen passt und ob sich der Abschluss wirklich lohnt – beispielsweise wegen der Anrechenbarkeit auf die Grundsicherung im Alter.

Daher sollte es nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit Verbesserungen geben, sondern auch am Gesamtkonstrukt Riester. Verbraucherfreundliche Änderungen bei den Rahmenbedingungen und die Schaffung kostengünstiger und transparenter Produkte könnten die Akzeptanz von Riester erhöhen und ein wichtiger Schritt in die gewünschte Breitenwirkung sein, sagt die Verbraucherzentrale NRW.

Unterstützt wird das Projekt auch von der ARD-Tatort Kommissarin und Schauspielerin ULRIKE FOLKERTS, die der Kampagne TATORT RENTE als Schirmherrin zur Verfügung steht.“ Ich unterstütze dieses Projekt, weil die Altersvorsorge nicht von Umweltzerstörung oder Menschenrechtsverletzungen profitieren sollte“, sagt Ulrike Folkerts. Weitere TV-Kommissare und Kommissarinnen sollen für die Kampagne gewonnen werden.
Gefördert wird das Projekt von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW. „Eine wachsende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern hat Interesse, auch bei ihrer Altersvorsorge Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen. Es fehlt jedoch gerade für Kleinanleger an Transparenz und Vergleichbarkeit. Mit Facing Finance und der Verbraucherzentrale NRW kommen zwei kompetente Organisationen zusammen, wenn es darum geht, die staatlich geförderten Riester-Produkte nachhaltiger zu gestalten. Deshalb freuen wir uns, das Projekt mit 170.000 Euro unterstützen zu können“, sagt Christiane Overkamp, Geschäftsführerin der Stiftung.

Facing Finance will, zusammen mit Verbraucherzentralen, in der nächsten Legislaturperiode dafür werben, dass die staatliche Förderung von Altersvorsorgeprodukten verbindlich an soziale und ökologische Mindeststandards gekoppelt wird. Grundlage dafür ist ein gemeinsames Positionspapier.

Mehr Informationen unter: www.facing-finance.org & www.faire-rente.de
Bei Rückfragen und Interviewwünschen wenden Sie sich bitte an:
Thomas Küchenmeister I FACING FINANCE
Tel: +49 0175-49 64 082 I kuechenmeister@facing-finance.org