Textilindustrie: Syrische Flüchtlinge von türkischen Zulieferern ausgebeutet

Dem internationalen Business and Human Rights Resource Centre zufolge sind in mehreren türkischen Zulieferbetrieben großer europäischer Textilkonzerne minderjährige syrische Flüchtlinge angestellt und ausgebeutet worden1.

Vier Unternehmen mussten bei Nachforschungen feststellen, dass illegale syrische Flüchtlinge in ihren Betrieben arbeiteten. Dies betrifft H&M, C&A, Primark und NEXT. H&M und NEXT gaben zudem an, dass in ihren Fabriken syrische Flüchtlingskinder in die Produktion eingebunden waren. Laut eigener Aussage seien die Probleme angegangen und behoben worden. Viele weitere Firmen führten jedoch weder gezielte Kontrollen durch, noch ergriffen sie vorbeugende Maßnahmen.

Die Türkei ist nach China und Bangladesch der drittgrößte Lieferant von Bekleidung für Europa – der Anteil unregistrierter Arbeiter soll bei 60% liegen2. Dies sind vermehrt auch Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsstaat Syrien, da nur ein Bruchteil der 2,2 Millionen Menschen, die sich momentan in der Türkei aufhalten, vom Staat versorgt werden kann. Nach Berichten über Hungerlöhne und problematische Arbeitsbedingungen für illegale Beschäftigte aus Syrien, hatte das Business and Human Rights Resource Centre im Dezember 2015 28 Textilkonzerne über ihre Zulieferer in der Türkei befragt. Zehn der Unternehmen stellten daraufhin Informationen zur Verfügung, fünf weitere stellten eine Untersuchung der Fabriken in Aussicht. Andere verwiesen auf allgemeine Stellungnahmen zur Kontrolle von Betrieben oder verweigerten eine Antwort3.

Die Organisation bemängelt den fehlenden Willen vieler Textilriesen, sich des Problems anzunehmen und Untersuchungen in ihren eigenen Betrieben anzustellen. Schätzungen zufolge arbeiteten zwischen 250 000 und 400 000 syrische Flüchtlinge illegal in der Türkei. Aufgrund des unsicheren Status und der schwierigen ökonomischen Lage, in der sich viele Flüchtlinge befinden, sind diese besonders anfällig für Ausbeutung durch ihre Arbeitgeber und diesen oft schutzlos ausgeliefert. Auch Fälle von Kinderarbeit und sexuellem Missbrauch wurden bekannt.

Problematisch ist auch in diesem Fall, dass Großunternehmen ihre Produktionsketten oft nicht vollständig im Blick haben. So überprüfen sie zwar die Arbeitsbedingungen ihrer direkten Zulieferer, vernachlässigen aber die Kontrolle der vorherigen Produktionsschritte. Auf Nachfrage gaben nur wenige Unternehmen an, alle beteiligten Produktionsstätten auf die Befolgung ihrer Richtlinien hin zu überprüfen. Es ist daher zu vermuten, dass die Dunkelziffer betroffener Betriebe um einiges höher liegt.

Das Business and Human Rights Resource Centre lobte allerdings H&M und NEXT für eine schnelle und sorgfältige Aufklärung. NEXT habe als einziges der befragten Unternehmen einen Aktionsplan entwickelt, der den Umgang mit syrischen Flüchtlingen in türkischen Betrieben regeln soll. Zwei weitere (Inditex (Zara) und White Stuff) gaben zumindest grobe Richtlinien vor, wie mit der Situation umzugehen sei. Auch H&M setzte sich für den Schutz minderjähriger Flüchtlinge vor Ausbeutung ein. Außerdem machten sich europäische Textilfirmen in der Türkei für eine Änderung des Arbeitsrechts für Flüchtlinge stark. Die türkische Regierung hatte, auch aufgrund dieser Lobby-Arbeit, Mitte Januar verkündet, syrischen Flüchtlingen nun schon 6 Monate nach Anerkennung eines temporären Schutzstatus eine Arbeitserlaubnis in Aussicht zu stellen, um das Problem illegaler Beschäftigung einzudämmen.

Aufgrund der wachsenden Flüchtlingszahlen in der Türkei wird das Risiko der Ausbeutung auch minderjähriger Flüchtlinge steigen. Um eine bessere Versorgungslage zu gewährleisten, verhandelt die türkische Regierung gerade über neue Hilfszahlungen seitens der EU4. Trotzdem werden wohl viele Flüchtlinge in der Illegalität bleiben. Europäische Investoren und Unternehmen mit Niederlassungen vor Ort müssen daher vermehrt auf die Einhaltung von Arbeitsstandards bestehen.

Hier der vollständige Bericht des Business and Human Rights Centre


  1. http://business-humanrights.org/en/syrian-refugees-in-turkish-garment-supply-chains-an-analysis-of-company-action-to-address-serious-exploitation, aufgerufen am 03.02.2016 []
  2. http://www.theguardian.com/sustainable-business/2016/jan/29/hidden-child-labour-syrian-refugees-turkey-supplying-europe-fast-fashion, aufgerufen am 03.02.2016 []
  3. http://business-humanrights.org/en/responses-by-garment-brands-to-our-questionnaire-on-the-treatment-of-syrian-refugees-in-turkish-supplier-factories, aufgerufen am 03.02.2016 []
  4. http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/02/02/tuerkei-syrische-fluechtlingskinder-naehten-offenbar-fuer-hm/, aufgerufen am 03.02.2016 []
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