Der Fall Nestlé – ein Vorbild für andere „global player“?

Um eines vorweg klarzustellen: Nestlé – der weltweit größte Lebensmittelhersteller – ist wahrlich kein Heiliger. Um Profite zu steigern, legte Nestlé mehr als nur einmal ein skrupelloses und rücksichtsloses Verhalten in Bezug auf die Umwelt oder die Arbeitsbedingungen an den Tag, vor allem in den sogenannten „Dritte-Welt-Staaten“. Ein oft genanntes Beispiel ist der Fall von „Pure Life“ in Südafrika. Südafrika ist ein Land, in dem Wasserressourcen allgemein äußerst knapp sind – viele Menschen besitzen dort nicht einmal Zugang zu sauberem Wasser (was laut den Vereinten Nationen eigentlich ein Menschenrecht darstellen sollte). Trotzdem kauft Nestlé dort systematisch die exklusiven Nutzungsrechte an Quellen riesiger Trinkwasserreservats – um das Wasser in seinen Fabriken schlicht in Plastikflaschen abzufüllen. Die drastischen Konsequenzen für die Ärmsten der Armen – die sich kaum die überteuerten Produkte in den Supermärkten des Landes leisten können – ignoriert das Unternehmen dem Anschein nach.1

In einem anderen Bereich jedoch, scheint sich Nestlé tatsächlich gerade in eine Art Musterschüler zu verwandeln, der auf eine ökologisch ausgeglichene Produktion bedacht ist. Es ist der Bereich des nachhaltig produzierten Palmöls aus Indonesien. Dort nimmt Nestlé mittlerweile eine Führungsrolle ein, indem es sich freiwillig strengen Regeln unterwirft, die eine Abholzung des Regenwaldes verhindern sollen. Zudem unterstellt das Unternehmen seine Zulieferer einer unabhängigen Aufsicht – unter anderem der von Greenpeace. Die NGO lobte in der Vergangenheit wiederholt genau diese Anstrengungen und bescheinigte dem Unternehmen sich auf dem richtigen Weg zu befinden. Aber warum nimmt so ein mächtiger „Global Player“ wie Nestlé überhaupt diesen – zumindest auf den ersten Blick – aufwendigeren und auch kostenintensiveren Weg auf sich?

Zunächst möchte ich das grundlegende Problem mit dem Palmöl kurz zusammenfassen. Das Öl wird aus einer Palme gewonnen, die vor allem in tropischen Ländern wie Malaysia oder Indonesien beheimatet ist. Von Lippenstift über Nahrungsmittel bis hin zur Body Lotion: Palmöl wird für über 50% aller Konsumgüter verwendet. Und allein Nestlé benötigt davon jährlich – vor allem für das Produkt „Kitkat“ – über 320.000 Tonnen2. Wegen dieser unglaublich hohen Nachfrage werden riesige Gebiete Regenwald gerodet, um Platz für die Monokulturen der Ölpalme zu schaffen. Deshalb gefährdet die Produktion und auch die Verarbeitung von Palmöl vom Aussterben bedrohte Tierarten und beschleunigt des Weiteren den Klimawandel. (( palm oil factsheet – RAN – 4.9.2013 ))

Im Jahr 2010 startete Greenpeace die virale Kampagne „Give the Orang Utan a break!” (eine Anlehnung an einen Werbespots Nestlés). Darin warf Greenpeace dem Unternehmen vor, für seine Produkte Palmöl eines Zulieferer namens Sinar Mas zu verwenden, der dafür bekannt ist, rücksichtslos – und illegal – streng schützenwerte Flächen tropischen Regenwalds in Indonesien abzuholzen, die eben auch diese gefährdete Affenspezies beheimateten3. Der Erfolg dieser Kampagne war beispiellos. Besonders ein drastisches Video, das einen Büroangestellte zeigte, wie er in Kitkatpapier umwickelte Orang Utan Finger aß, schockte die Welt und löste einen „Shitstorm“ ungeahnten Ausmaßes aus. Über 250.000 Menschen – überwiegend Facebook-Nutzer – beschwerten sich und drohten mit Boykott. Nach einem zunächst hilflos erscheinenden Versuch, das Video aus dem Internet löschen zu lassen, lenkte das Unternehmen endlich ein und strich Sinar Mas aus seiner Zuliefererliste. Zudem entwickelte Nestlé eine Art Aktionsplan, in welchem es versprach, bis 2015 ausschließlich Palmöl aus nachhaltiger Produktion verwenden zu wollen. Vor allem dafür, dass dieser Prozess transparent gestaltet wurde, erhielt das Unternehmen von allen Seiten viel Lob.4

Die Maßnahmen Nestlés – und natürlich verantwortungsvolle Konsumenten, die intransparente Produkte zu boykottieren versuchen – motivieren und belohnen andere Firmen, die ihrer Produktion ebenfalls ökologisch-nachhaltig umgestalten wollen. Genau diese Art von Kampagnen – vor allem in den oft unterschätzen und belächelten sozialen Netzwerken – scheinen eine Schlüsselfunktion für einen Sinneswandel der „Global Player“ einzunehmen. Mehr von ihnen werden gebraucht.5

Doch einige NGOs – wie Robin Wood oder Watch Indonesia – stellen die Anstrengungen der Unternehmen in Frage. Sie behaupten, dass das Schlagwort „nachhaltig produziertes Palmöl“ nur ein Mythos sei. Die Verletzung von Menschenrechten und die Zerstörung der Umwelt seien immer noch untrennbar mit jedwedem Gebrauch des Öls verbunden und Firmen wie Nestlé würden nur aus PR-Gründen eine besonders schlaue Art des „Greenwashing“ betreiben. Einzig und allein ein Verbot des gesamten Imports von Palmöl würde endlich die Rodung riesiger Urwaldgebiete stoppen.6

In letzter Zeit entfacht ein Gerücht diese Debatte von neuem. Das Unternehmen IOI – u.a. ein Zulieferer von Nestlé, Unilver oder Neste Oil – wird beschuldigt, über 5000 Hektar Regenwald für Ölpalm-Plantagen zerstört zu haben.7


  1. Südafrika Wasser – das Erste – 4.9.2013 []
  2. Nestlé will nach Greenpeace Kampagne Urwald schützen – Greenpeace – 4.9.2013 []
  3. Beweise überführen Sinar Mas – Greenpeace – 4.9.2013 []
  4. deforestation and palm oil – Nestlé – 4.9.2013 []
  5. sustainable palm oil – Ethical Corp – 4.9.2013 []
  6. Forum für nachhaltiges Palmöl gegründet – EPO – 4.9.2013 []
  7. Palmöl-Mafia stoppen – Regenwald – 4.9.2013 []