Pressemitteilung – Arbeitnehmer*innen wollen gesetzliche Regeln für eine transparente und nachhaltig orientierte betriebliche Altersvorsorge und mehr Mitsprache bei der Anlagestrategie

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Berlin (16.01.2019) Derzeit besitzen rund 17 Millionen Deutsche eine Betriebsrente. Eine aktuelle, repräsentative forsa-Umfrage belegt jetzt, dass 69% der Befragten nicht wissen, ob ihr Anbieter bei der Anlage der Beiträge für die Betriebsrente Kriterien zu Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung (sogenannte ESG-Kriterien) berücksichtigt. Die im Dezember 2018 durchgeführte und von Facing Finance in Auftrag gegebene Umfrage zeigt auch, dass fast alle Befragten (92%) der Meinung sind, dass Versicherungsnehmer der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) über die Anlage-Kriterien ihres Anbieters informiert werden sollten. Mehrheitlich (54%) wünschen sich die Befragten von ihren Anbietern, sowohl vorvertraglich als auch während der Laufzeit über Neuerungen oder Änderungen dieser Kriterien informiert zu werden.

Fast der Hälfte der Befragten (47%) ist es sehr wichtig bzw. eher wichtig, dass ESG-Kriterien bei der Anlage der Beiträge tatsächlich berücksichtigt werden. Eine diesbezügliche, gesetzliche Regelung wünschen sich 67% der Befragten. In ähnlicher Größenordnung (65%) sprechen sich die befragten Versicherten für einen Anleger-Beirat und für mehr Mitsprache bei der Festlegung der generellen Anlagestrategien aus. 40 Prozent sind der Meinung, dass dieser Beirat auch bei einzelnen Anlage-Entscheidungen einbezogen werden sollte. Versuche seitens der Zivilgesellschaft diesbezügliche Regelungen in der neuen EU-Direktive für Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung („EbAV 2“) zu verankern, scheiterten am Widerstand der EU-Kommission bzw. der EU Mitgliedsstaaten. Damit enthält auch die gerade in Kraft getretene gesetzliche Regelung zur Umsetzung der EbAV 2-Richtlinie[i] in Deutschland keine Bestimmungen zur Partizipation der Versicherten.

„Es hat sich klar gezeigt, dass die betriebliche Altersvorsorge in Deutschland hohe Defizite in Bezug auf Nachhaltigkeit, Transparenz, und Mitsprache seitens der Versicherten bei der Anlagestrategie aufweist und die Versicherten hier Veränderungen wünschen“, betont Thomas Küchenmeister, geschäftsführender Vorstand der Berliner Nichtregierungsorganisation Facing Finance. Daran wird auch das neue bAV-Gesetz nichts ändern, so Facing Finance. Dieses fordert zwar von den Anbietern mehr Transparenz ein, regelt aber nicht die tatsächliche Verwendung der Beiträge der Versicherten. Es beinhaltet lediglich unspezifische Berichtspflichten in Bezug auf die Berücksichtigung nachhaltiger Faktoren bzw. Risiken u.a. im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Verwendung von Ressourcen. Verbindliche Ausschlüsse von schädlichen Geschäftsmodellen (Kohle, Waffenhandel), die laut UNO als Hauptfluchtursachen gelten, oder von Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen sucht man vergeblich.

Für 78% der Befragten sollten aber z.B. die Hersteller von Landminen und Streumunition von Investitionen ausgeschlossen werden, dicht gefolgt von Atomwaffen, Rüstungsexporten und Rüstungsproduktion generell. Damit steht die Rüstungsbranche nach wie vor ganz oben auf der Ausschlussliste der Versicherten. Ebenso deutlich lehnen 69% der Befragten Investments in klima- und umweltschädliche Produktionsverfahren ab.

Die größte Ablehnung (88%) aber erfahren Investments in Geschäftsmodelle, die von Kinderarbeit profitieren, gefolgt von 84% für Investments in Menschenrechtsverletzungen. Auch Korruption und Bestechung (83%) und die Zerstörung von (Ur-) Wäldern und Naturräumen sollten nach Meinung der Befragten dazu führen, dass nicht mehr in die dafür verantwortlichen Unternehmen investiert wird. Nur 2% der Befragten wollen keinerlei Ausschlusskriterien.

„Die Versicherten wollen mehrheitlich eine nachhaltig ausgerichtete betriebliche Altersvorsorge, doch deutsche Anbieter ignorieren Umwelt- und Sozialrisiken wie die Zerstörung von Lebensräumen und Menschenrechtsverstöße und setzen sich und die Versicherten Wertverlusten und Reputationsrisiken aus“, unterstreicht Küchenmeister.

Küchenmeister beklagt, dass es für Anbieter staatlich geförderter Altersvorsorgeprodukte keine Vorgaben im Hinblick auf ethisch-ökologische Kriterien bei der Verwendung der Kundengelder und nur unzureichende Informationspflichten gibt.

Die Umfrage wurde im Rahmen des vom Umweltbundesamt (UBA) finanzierten Projektes „Ökologische und soziale Mindeststandards für die betriebliche Altersvorsorge“ durchgeführt.

Auf der Grundlage der eindeutigen Ergebnisse der Umfrage fordert Facing Finance verbindliche gesetzliche Regeln im Hinblick auf ethisch-ökologische Kriterien bei der Anlage der Kundengelder, die Kopplung staatlicher Förderung von Altersvorsorgeprodukten an soziale und ökologische Mindeststandards und mehr Mitsprache der Versicherten bei der Festlegung der Anlagestrategien und bei Anlage-Entscheidungen. Diese Anforderungen leisten geltende Gesetze derzeit nicht.

Das Umfrageergebnis kann hier abgerufen werden.

Mehr Informationen unter: www.facing-finance.org

Bei Rückfragen und Interviewwünschen wenden Sie sich bitte an:
Thomas Küchenmeister I FACING FINANCE
Tel: +49 0175-49 64 082 I kuechenmeister@facing-finance.org

[i] „Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/2341 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 14. Dezember 2016 über die Tätigkeiten und die Beaufsichtigung von Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung (EbAV)“

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