Giftige Arbeit in Handy-Fabriken

Bild: © n.v. [gemeinfrei / public domain] - Wikipedia

„Mein Sohn heißt Ming Kunpeng. Er ist gerade 26 Jahre alt geworden.“ Sein Vater setzt sich neben Ming, drückt seinem Sohn Tabletten in die Hand. „Das sollte die beste Zeit seines Lebens sein. Aber leider diagnostizierte man ihm im Mai 2009 Leukämie – eine aggressive Form von Krebs, ausgelöst durch Benzol.“ Er schaut seinen Sohn liebevoll an, doch Ming starrt nur traurig gerade aus. Ming arbeitete in einer Zulieferfabrik für Handychips. Er hat sich dort während der Arbeit vergiftet.

Wie er sind viele Arbeiter in den Produktionsstätten großer Elektronikhersteller bei der Arbeit hochtoxischen Stoffen wie Benzol und n-Hexan ausgesetzt, ständig in Gefahr, sich zu vergiften. Eigentlich sind für den Einsatz von solchen hochgiftigen Substanzen Sicherheitsmaßnahmen wie eine ausreichende Schutzkleidung und präzise Trainings vorgeschrieben – doch diese Sicherheitsvorkehrungen werden häufig nicht eingehalten.1

Die ungeschützte Arbeit mit den Chemikalien hat fatale Folgen: N-Hexan löst Nervenschäden und Lähmung aus. Und das Einatmen der giftigen Benzoldämpfe kann Schäden am Knochenmark oder eine Blutknappheit verursachen. Eine Benzolvergiftung führt zudem zu Anomalitäten bei der Fortpflanzung oder wie in Mings Fall zu Leukämie.23

Die US-amerikanische Umweltorganisation Green America sowie die Organisation China Labor Watch prangern vor allem die Missstände in Zulieferfabriken des Elektronikriesen Apple an. In Rahmen ihrer Kampagne „Bad Apple: End Smartphone Sweatshops“ sammeln sie zusammen mit dem US-Magazin The Nation Unterschriften, um ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen deutlich zu machen.42 „Zusammen mit Green America fordern wir, dass Apple Verantwortung übernimmt und den Einsatz von Chemikalien wie dem Lösungsmittel n-Hexan und dem Karzinogen Benzol unterlässt, die bekanntermaßen Leukämie verursachen, um seinen Arbeitern ein rechtmäßigen Standard an Wohlergehen zu bieten.“, sagt Kevin Slaten, der Programm Koordinator von China Labor Watch.5 Die Organisation hoffen, dass Apple als Marktführer ein Signal senden und weitere Konzerne zu Verbesserungen motivieren könnte.6Apple ist der Pionier der Smartphone-Industrie und selbsternannter Marktführer im Bereich der Corporate Social Responsibility“, so Green America, „Apple muss hier die Führung übernehmen.“1 Denn auch andere große Elektronikhersteller stehen in der Kritik, giftige Chemikalien für die Produktion zu verwenden. Dazu gehören z.B. Samsung, HP und Dell.2

Das Lösungsmittel n-Hexan wird u.a. bei der Produktion von Smartphones verwendet, um Displays zu säubern. Da es etwa dreimal so schnell verdunstet wie andere brauchbare Lösungsmittel, können mehr Displays in kürzerer Zeit gesäubert werden, das spart Arbeitszeit – und Geld. Auch Benzol wird zur Reinigung elektronischer Bestandteile verwendet.2 Es gäbe auch weniger giftige Substanzen mit einer vergleichbaren Wirkung, doch Benzol ist die billigste Möglichkeit.7 Letztendlich zahlten die Arbeiter den Preis für die Profitmaximierung, prangert Slaten an.6

Die Sozialunternehmerin Heather White drehte in chinesischen Handyfabriken einen Film über die hochgiftigen Chemikalien. „In jeder Fabrik, die ich besuchte, gab es Anzeichen für Benzolvergiftungen“, beklagt sie.
White traf auch auf Ming Kunpeng. Seine Eltern kämpften um einen Beweis, dass sich ihr Sohn in der Fabrik vergiftet hatte, doch diese verweigerte eine lange Zeit alle Papiere – dabei gilt eine Benzolvergiftung eigentlich als eine entschädigungspflichtige Berufskrankheit.3 Sechs Monate nach seinem Zusammentreffen mit White beging Ming Selbstmord.7

Auf Nachfrage des Guardians bezüglich der „Bad Apple“-Kampagne wies ein Sprecher von Apple die Verantwortung von dem Unternehmen und erklärte, dass alle Zulieferer aufgefordert würden, gewisse Sicherheitsstandards einzuhalten.2 Der Konzern gibt an, im letzten Jahr knapp 200 Fabriken überprüft zu haben. Doch viele der Protestierenden sind sich sicher, dass die Ergebnisse geschönt wurden.8

Jedoch scheint eine „Aufforderung“ alleine bei weitem nicht zu genügen, wenn es darum geht, das Leben der Arbeiter zu schützen. Elektronikkonzerne wie Apple mit Milliardengewinnen jährlich können die Verantwortung nicht einfach von sich wegschieben. Die giftigen Chemikalien durch weniger gefährliche auszutauschen, würden die Unternehmen gerade einmal 1 Dollar pro Handy kosten.4

Menschen wie Ming zahlen den Preis.

Ausschnitt aus Whites Film: http://www.upworthy.com/ever-heard-of-benzene-poisoning-me-neither-but-samsung-and-apple-have-1112


  1.  heise online: US-Umweltschützer fordern weniger Chemie in der iPhone-Produktion; erschienen am 13.03.2014; aufgerufen am 04.04.2014  [] []
  2.  Guardian: Apple urged to stop using harmful chemicals in its factories; erschienen am 12.03.2014; aufgerufen am 04.04.2014  [] [] [] [] []
  3.  Universal Lexikon: Benzolvergiftung; aufgerufen am 04.04.2014   [] []
  4.  Golem: Kampagne für bessere Arbeitsbedingungen in iPhone-Produktion; erschienen am 13.03.2014; aufgerufen am 04.04.2014  [] []
  5.  Ethical Consumer: New campaign launched against Apple; erschienen am 19.03.2014; aufgerufen am 04.04.2014  []
  6.  Greenamerica: New Campaign Calls on Apple to End Worker Poisoning in iPhone and Other Supplier Factories; erschienen am 12.03.2014  [] []
  7.  Huffingtonpost:You Won’t Believe What’s in Your Cell Phone; erschienen am 12.03.2014; aufgerufen am 04.04.2014  [] []
  8.  Huffingtonpost:Factory Workers May Be Getting Sick From Chemicals Used To Make Your iPhone; erschienen am  12.03.2014; aufgerufen am 04.04.2014  []
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